Selbstständigkeit und Unternehmensführung

was ich die letzten Jahre gelernt habe

2015-1-25
In eigener Sache

Über vier Jahre lang habe ich in Vollzeit durchgehalten. Eigentlich keine ungewöhnliche Zeit für das Beenden meiner Karriere als Selbstständiger. Laut dem statistischen Bundesamt (Bericht 2013) wechseln 20% der Solo-Selbstständigen innerhalb der ersten fünf Jahre in eine abhängige Beschäftigung.

Aber was waren genau die Gründe für den Wechsel?

Welche Fehler habe ich gemacht?

Was ist in der Contao Welt falsch gelaufen?

An einigen Punkten möchte ich diese Fragen erörtern.


InfinitySoft VS bit3

Unter dem Namen InfinitySoft habe ich ein breites Leistungsfeld abgedeckt. Von Web-Umsetzung, über Web-Entwicklung bis zur Entwicklung von Erweiterungen und Speziallösungen, aber auch Schulungen und Workshops waren alles im Leistungsspektrum enthalten.

Ein sehr breites, zu breites Spektrum für einen Einzelnen habe ich damit abgedeckt. Bei der Gründung der bit3 UG wollte ich einerseits an die Erfolge der ersten Jahre anknüpfen, andererseits habe ich versucht, mich weiter in Richtung Softwareentwicklung zu spezialisieren. Gerade diese Spezialisierung hat letztlich aber dazu geführt, dass ich den "Kontakt" zu den kleinen, einfachen Aufträgen verlor. Es fehlte nicht unbedingt an Nachfragen, wenn man einem potentiellen Kunden allerdings entgegnet, dass man sich auf "Speziallösungen" spezialisiert hat und Web-Entwicklung nur so "nebenbei" tätigt, is es nicht verwunderlich dass die Beauftragung dann nicht erteilt wird.

Man kann also sagen, ich habe mein Geschäftsmodell gegen die Wand gefahren! Aber hätte dieses Geschäftsmodell unter anderen Bedingungen eventuell doch funktioniert?


One-Man-Show VS Team

Das vermutlich größte Problem dabei war, dass das Team von bit3 zu 99% aus mir, meiner selbst und ich allein bestand. Die Stundentischen Hilfskräfte die ich angestellt hatte, waren da nur eine kleine Hilfe denn die Abwicklung, Kundenbetreuung und Planung musste ich trotz allem selbst durchführen.

Ich bin davon überzeugt, wenn ich mit 1~2 Leuten zusammen gearbeitet hätte und damit auch das Leistungsspektrum - dass ich als InfinitySoft angeboten habe - hätte erhalten können. Dann wäre bit3 sehr Erfolgreich gewesen! Auch die durchaus starke Belastung, die durch die ganzen zusätzlichen Projekte aufgekommen ist, hätte man dann mehr verteilen können.


Zu viel OpenSource?

Ich wurde oft gefragt, wie ich so viel Zeit in meine OpenSource Projekte stecken könne. Ganz einfach, ich habe vieles davon umgelegt auf die Auftragsarbeiten. Wenn ein OpenSource Projekt gut lief, handelte es sich in der Regel um ein Projekt, dass bei mir oft zum Einsatz gekommen ist. Die die weniger gut liefen, waren logischerweise seltener zum Einsatz gekommen.

So war es zumindest über zwei Jahre im Rahmen von InfinitySoft. Wie ich bereits oben erklärt habe, brachen die "einfachen" Projekte nach der Gründung von bit3 Stück für Stück weg und damit auch die Projekte wo ich die Weiterentwicklung meiner OpenSource Software hätte umlegen können.

Ganz besonders schwierig für mich war das Avisota Projekt. Ich habe Avisota im Jahr 2014 selbst in nur einem einzigen Projekt eingesetzt und in zwei Auftragsarbeiten, also insgesamt drei mal im Jahr! Für ein Projekt der Größe eigentlich untragbar, da ließen sich überhaupt keine Entwicklungskosten umlegen.

Ich würde also sagen, ja zumindest in den letzten zwei Jahren habe ich an zu vielen OpenSource Baustellen gearbeitet, die mir selbst keinen Vorteil mehr verschafft haben.


OpenSource VS Verantwortung

Viele Entwickler wählen den OpenSource Weg primär deshalb, weil sie die Verantwortung einer kostenpflichtigen ClosedSource Lösung meiden wollen.

For the developers' and authors' protection, the GPL clearly explains that there is no warranty for this free software. For both users' and authors' sake, the GPL requires that modified versions be marked as changed, so that their problems will not be attributed erroneously to authors of previous versions.
Auszug aus der GPL 3.0 Lizenz

Nahezu jede OpenSource Lizenz schließt Haftungsansprüche gegen den Entwickler aus und entbindet ihm mehr oder weniger der wirtschaftlichen Verantwortung. Auf soziale Verantwortung und Ehrenkodex etc. will ich an der Stelle nicht weiter eingehen. Belassen wir es für den Moment dabei, dass Entwickler die zeitlich gebundene Verantwortung gerne scheuen, aber trotzdem in der Regel bereit sind, abhängig von ihrer verfügbaren Zeit ein gutes Produkt abzuliefern und auch gerne Hilfestellung geben.

Gerade hier entsteht aber ein zirkuläres Problem. Entwickler wollen keine Verantwortung und nutzen deshalb ihre freie Zeit für Entwicklung und auch Support. Die Community will schnellen, qualitativen Support und ist oft auch bereit dafür zu bezahlen. Und am Ende klagen die Entwickler dann darüber, dass sie keine Zeit = kein Geld haben. Hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz, aber wir - die Entwickler - sind selbst Schuld an der Miesere.


free speech, not free beer

Ich weiß, der Satz ist schon recht ausgedroschen und einige können ihn nicht mehr hören. Ich im übrigen auch nicht mehr, aber er beschreibt das Prinzip OpenSource einfach nur zu gut. Denn auch der Einsatz von OpenSource Software kostet Geld, dass sieht man immer dann, wenn ein Web-Entwickler die Zeit die er für die Umsetzung einer Website gebraucht hat in Rechnung stellt. Das verwendete CMS, vielleicht sogar die Tools mit denen er arbeitet mögen OpenSource sein, aber er hat trotzdem einen Arbeitsaufwand.

Bei OpenSource Software verschwindet der Arbeitsaufwand den ein Entwickler für die Programmierung hat aber oftmals, bzw. ist für den Nutzer nur selten zu begreifen oder zu erfassen. Während er bei der Umsetzung der Website nach einer gewissen Zeit ein fertiges Produkt in Händen hält, ist das Produkt bei OpenSource Software oftmals einfach schon da.

Beim Avisota Projekt habe ich versucht, diese Information nach außen zu tragen und habe die Zahlen aus meiner Zeiterfassung direkt in die Website gebracht.

Das Ergebnis: 724 Arbeitsstunden stehen 15.000 € Spenden gegenüber. — avisota.org

Die Veröffentlichung dieser Zahlen hat nicht nur positive Rückmeldungen gebracht, auch Verwunderung wieso wurde so viel Zeit da rein gesteckt? oder hätte man das nicht auch mit weniger Stunden schaffen können?. Gerne wird an der Stelle vergessen, dass darin auch die Stunden für die Erstellung der Website, der Dokumentation und auch für die Projektplanung drin stecken. Gerade das sind Zahlen, die da draußen in der freien Wirtschaft gerne unterschlagen und über eine Mischkalkulation abgedeckt werden. Da ich diese Arbeitszeit aber auch erfasse, kommt eine viel realistischere Zahl dabei raus, als viele im ersten Moment meinen.

Hier sind vor allem die Entwickler gefragt. Da in unserer kapitalistischen Gesellschaft das schnöde Geld leider ein must have ist, müssen die Entwickler zu ihren OpenSource Produkten auch entsprechende Supportleistungen anbieten. Und das natürlich gegen Geld. Große Unternehmen, wie bspw. die Linux-Publisher ala RedHat, Novel und Co. machen es vor. Natürlich ist RedHat Enterprise Linux nicht kostenfrei zu erhalten, dennoch ist es OpenSource und das Unternehmen verkauft vor allem eines: Supportleistung!

Hier muss meiner Meinung nach ein Umdenken bei vielen OpenSource Entwicklern statt finden. Ich selbst trage diese Erkenntnis schon länger mit mir herum. So etwas um zu setzen klingt im ersten Moment immer leichter als es am Ende ist. Ich bewundere die Jungs von terminal42 dafür, dass sie bei Isotope einen recht strikten, aber korrekten Weg gehen. Wer professionellen Support für Isotope haben will, muss Partner werden oder sich an jemand anderen wenden. Die Jungs sind auch schon ein paar Schritte weiter und bieten kostenpflichtigen Support auch für ihre anderen OpenSource Produkte an (Quelle). Solche ein Vorgehen bedingt allerdings auch ein Umdenken in der Nutzer-Community und vor allem ein Verständnis dafür, dass solche Modelle einfach notwendig sind.

Dem Nutzer Verständlich zu machen, dass er ein Produkt nutzt, in dem mehreren hundert oder tausend Stunden Arbeitszeit stecken, dürfte das schwierigste sein. Aber das ist notwendig, um dem Nutzer die Notwendigkeit eines Finanzierungsmodells klar zu machen.


Einmalzahlung VS regelmäßige Zahlung

Ein ganz großes Problem ist die Vorstellung, dass die Unterstützung mit einer Einmalzahlung getan ist. Wenn dem so wäre, warum kaufen wir uns dann alle paar Jahre ein neues Auto, ein neues Smartphone oder ganz einfach neue Kleidung? Auch Software altert, sie nutzt sich vielleicht nicht so ab wie Gebrauchsgegenstände, aber versucht doch mal ein Windows 95 auf einem modernen PC zum laufen zu bringen!

Software erfordert eine kontinuierliche Pflege und deshalb ist die Vorstellung "ein mal zahlen, immer nutzen" ziemlich unrealistisch. Große Konzerne bieten nicht ohne Grund den Support nur noch für ein Jahr an. Die PhpStorm Lizenz läuft bspw. nur ein Jahr. Man kann danach zwar immer noch die alte Version weiter nutzen, wer aber neue Funktionen oder Fehlerkorrekturen haben will, muss nach einem Jahr sein Abo verlängern.

Ich sehe hier überhaupt keinen Unterschied zu einem Gebrauchsgegenstand wie ein Auto, Smartphone oder Kleidung. Der einzige Unterschied ist, dass man es diesen Gebrauchsgegenständen ansieht dass sie altern. Bei Software ist es einfach nicht so offensichtlich. Hier muss meiner Meinung nach ein Umdenken in der Nutzerschaft statt finden.


Fazit

Ich habe viel aufgeführt, was mir nach der Aufgabe meiner Selbstständigkeit und Annahme der Festanstellung die letzten Wochen durch den Kopf gegangen ist. Wo ich Probleme in meinem Business sehe, aber auch wo generelle Probleme aufgetreten sind.

An einigen Baustellen habe ich bereits im letzten Jahr gearbeitet. Unter anderem habe ich meine Beteiligung an einer Vielzahl von Projekten eingestellt und eigene Projekte teilweise aufgegeben. Darunter waren auch einige Fehlentscheidungen, unter anderem hätte ich das Avisota Projekt einfach sterben lassen sollen. Im Gegenzug hätte ich meine Zusammenarbeit mit anderen Agenturen, darunter auch fruitMedia nicht beenden sollen. Ich konnte mit ihnen immer gut zusammen arbeiten, auch wenn es die "üblichen" Probleme gab, war es doch eine sehr angenehme Zusammenarbeit.

Schlussendlich war es so, dass ich zwar durch die neuen Aufträge teilweise mehr Geld pro Projekt verdient habe als vorher, aber es unterm Strich zu wenig Projekte waren. Projekte die aus dem Ruder liefen, haben ihren Teil dazu beigetragen, dass die Situation immer schwieriger wurde.

Am Ende habe ich für 2015 eine 50% Chance einer drohenden Insolvenz gesehen. In dem Moment war das Jobangebot meines ehemaligen Arbeitgebers der "Notanker", der mir diese Last abgenommen hat.

Ich bereue die Entscheidung bisher nicht und müsste ich die Entscheidung jetzt noch ein mal treffen müssen, gebe es für mich überhaupt keine Diskussion mehr - naja, so was kann man immer sagen wenn man sich bereits zwei Monate den Kopf darüber zerbrochen hat. Ich bin mit meinem Fähigkeiten die ich mir die letzten Jahre angeeignet habe, in einem größeren Team besser aufgehoben. Dort kann ich - davon bin ich zumindest überzeugt - meine Stärken besser ausspielen. Nicht ohne Grund nehme ich jetzt eine Projektleiterposition ein.

Vor allem die Contao Community wird mehr auf ihre besten Entwickler zugehen und diese unterstützen müssen, wenn sie diese nicht genau so verlieren will, wie mich.